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Warum sie nicht tun, was sie wissen

Ein Plädoyer für Mut zum Umweltschutz, selbst wenn er wieder einmal verlieren sollte: Widerstand tut Not – und gut.

Die Versuchung ist groß, sich einen magischen, dichten Moment herbeizuwünschen: ein neues Aufbäumen, ein spürbar stärker werdender Widerstand, vielleicht sogar eine Wende, ein Umschwung in der Grundausrichtung politischer Lebensgestaltung. Blitzlichter gäbe es ja, die so etwas hoffen ließen: Die Protesttouren auf dem Radl in die Frizzi Au hinunter, das tapfere Übernachten und Ausharren dort, der Protestmarsch im Vinschgau, die Rettungsversuche an der Prader Sand, die unermüdliche und durch nichts zu entmutigende Pro-Pustertal-Brigade, die endlich zu Keckheit erwachte Transitinitiative Südtirol – das sind doch starke, deutliche Lebenszeichen eines bereits auf der Reanimation gewähnten Patienten.

Südtirols Umweltschutz war müde, letzthin. Er war es nicht aus Trägheit oder Bequemlichkeit, die Müdigkeit kam von einem immer aufs Neue verlorenen Kämpfen, Streiten, Mühen, von Rückschlag über Rückschlag. Es ist nicht Hohn, es ist mehrfach verdiente Anerkennung, wenn diese Müdigkeit am anschaulichsten in Kuno Schraffl zu Gesicht wird, dem Haudegen des Südtiroler Umweltschutzes. Ein Unerschrockener, ein Bewegter und ein Beweger, aber beinah lauter verlorene Schlachten: MeBo, Flugplatz, Biotop um Biotop, Skipiste um Skipste, Schneekanone um Schneekanone – ein einziges Rückzugsgefecht, während der Fortschritt tut, was in seinem Namen liegt: fortschreiten, vorrücken. Wir könnten mit Kuno Schraffl genauso Johanna Scartezzini nennen, unsere Salurner Jeanne-D’arc, oder Evi Keifl, die bestraft wurde, weil sie sich das wichtigste leistete, was Menschen mit Verstand als Aufgabe gegeben ist: s’ Maul aufreißen und nicht still sein. Oder den beharrlichen Rudi Benedikter, ein Benedikter im Aushalten, aber auch ein Benedikter im Treten auf der Stelle, geschrumpft auf eine schöne Bewegung und ein Restmandat. Wir könnten Stefano Fattor sagen, der mit viel Fleiß und besten Vorsätzen Umweltpolitik umsetzen wollte und geschoren wurde. Oder Pierluigi Gaianigo, der Südtiroler WWF-Chef.

Oh, es gab natürlich Erfolge. Viele kleine Siege, viele kleine Verbesserungen, viele kleine Kinder des großen Widerstands, die leicht zu übersehen sind, aber Wachstumschancen haben. Und es gibt große Errungenschaften: Die Etsch floss noch vor 15 Jahren schmutziger von Südtirol ins Trentino als vom Trentino ins Veronesische, jetzt sind unsere Kläranlagen Monumente des technischen Umweltschutzes; das Land der Müllberge und Müllschande ist zum Land der geordneten Deponien und einer tüchtig ausfahrenden Entsorgungsflotte geworden. Wo immer für den Umweltschutz gebaut werden darf, lässt sich das Land nicht lumpen, denn aufs Bauen versteht man sich: Es wird gebaut, um die Umwelt zu zerstören, es wird gebaut, um sie wieder zu reparieren. Schon zeigt sich, nach dem Kraftakt mit dem Fahrsicherheitszentrum, die tröstende Fata Morgana am Horizont: Warum nicht neben den Motodrom einen schönen Recyclinghof für Schrottautos, verlorene Auspuffteile und Kanonenrohre platzieren?

Seien wir nicht zu miesmacherisch: besser als kein Umweltschutz ist ein technischer. Und vielleicht ist die Natur auch in diesem schönen Land schon so beeinträchtigt, dass sie der künstlichen technischen Hilfe bedarf: künstliche Nieren für die Flüsse (Kläranlagen), weil die Flüsse – mangels Auen, mangels natürlicher Auslaufbecken, mangels Vegetation an den rasierten Ufern, mangels biologischen Innenlebens und angesichts der zu bewältigenden Masse menschlicher Produkte – es alleine nicht mehr schaffen würden; künstliche Mägen (Mülldeponien), weil der natürliche Stoffwechsel nicht mehr mithalten kann, künstliche Verbrennung (die Öfen), weil’s mit dem Ausstinken auf dem großen Komposthaufen Natur nicht mehr funktioniert.

Wir sind auf dem Weg zur Prothesennatur. Während sich beinah alle weltweiten Rettungsprogramme (vom Klima- bis zum Artenschutz) in der Verminderung und Vermeidung der Belastung und Zerstörung grob gesagt nur im Milligramm- und Millimeterbereich bewegen, setzt die Reparatur des Zerstörten, die technische Entsorgung des Besorgniserregenden wahre Meilensteine: gegen das Blei den Katalysator, gegen den Feinstaub den Partikelfilter, mit stolzer und nicht zu verachtender Landeshilfe. Stephan Lausch sagt: Das schadet mehr als es nutzt, weil es die Illusion nährt, dass mit einem Filterchen, mit einem Katilein, mit einem Öfchen alles wieder in Ordnung ist. Es lässt uns glauben, dass das Szenario eines ungehemmt explodierenden Individualverkehrs, dass die Turbokultur und der Todeskult des Gaspedals mit einem Fahrsicherheitszentrum in den Griff zu kriegen sind. Das macht die Frizzi Au so exemplarisch: Ein Fleckchen Land, das der Natur zurückgegeben werden könnte, wird zum Service- und Ausbildungszentrum des Autoverkehrs. Die Illusion der Prothesenwelt täuscht uns eine ewig therapierbare Welt vor und hält uns nicht davon ab, sie munter weiter zu zerstören, um dann gegen die Zerstörung neue Erfindungen hervorzubringen.

Mit jenem Bauchweh, das grundsätzliches, sagen wir ruhig fundamentales Denken in mir auslöst, muss ich schreiben: Stephan Lausch hätte recht, wenn davon ausgegangen werden könnte, dass die Menschheit belehrbar oder, emanzipatorischer formuliert, lernfähig ist. Ich bin nur noch etwas pessimistischer und deshalb gar nicht sicher, ob wir an unseren Autos nicht auch festhalten würden, wenn sie noch rußen würden wie in den Zeiten des guten alten Diesel, wenn wir husten würden unterm Bleiausstoß der alten Rost- und Giftlauben, bin mir nicht sicher, ob wir mit Müll wertbewusster umgehen würden, wenn wir die Halden vor der Tür hätten, ob wir mit Wasser und Abwasser sorgsamer umgehen würden, wenn es in den Flüssen zu faulen anfangen würde.

Denn letztlich wissen wir doch alle: Wir wissen, dass eine Menschheit, die Krieg gegeneinander und gegen die Natur führt, recht erfolgreich dabei ist, sich selbst die Lebensgrundlage zu entziehen. Wir wissen um das Loch in der Ozonschicht, um das Gift in der Luft, um das Verschwinden von Arten in einem atemberaubenden Tempo, um die Verarmung unserer Natur, um das Krankmachende unseres Lebensstils. Wir schauen uns das Gruselszenario Zukunft, abwechselnd mit realem Krieg und realem Hunger, allabendlich und interessiert im Fernsehprogramm an, wissen Kyoto-Protokolle zu zitieren, lesen Geo-Reportagen über aussterbende Tirearten  – aber wir tun wenig, wenig, um den Rest unserer Überlebenschancen zu wahren. Ein bisschen Panik nach dem Rindfleischskandal, zwei Monate entrüstete Enthaltsamkeit, dann darf die biochemisch-genetische Tierfoltermaschine namens Großmaststall wieder anlaufen. Und wir essen weiter unser täglich’ Gift. Und auch da gibt’s die vielen kleinen Rücksichten und die großen Rückschläge, gibt’s das Biokistl und die Massentierindustrie, gibt’s die genfreie Schweiz und den Druck der Großen 8-9-10 für Ergebnisse an der Gen-Front und der genetischen Reparatur dieser erbärmlichen Mangelexistenz namens Mensch, namens Natur. Wetten, wer gewinnen wird?

Ich bin kein düsterer Prophet, wenn ich glaube, dass der Fortschritt fortschreiten wird: Er hat es immer getan, folgt seinem Gesetz, auch wenn er an seine Grenzen kommt und ins Verderben stürzt wie das Rattenvolk hinter seinem Rattenfänger. Ich vertraue, leider, auch weniger als Stephan Lausch in die Möglichkeit, von unten, von der Bevölkerung her eine neue Politik einzuleiten: Wie hätten die Südtiroler abgestimmt, wenn es bei Referenden um MeBo oder Flughafen gegangen wäre? Und wir sehen: Nach jeder Entscheidung für ein Großprojekt kippt die unsichere Mehrheit in nachträgliche Zustimmung, jeder Wahnsinn, ist er erst einmal gebaut, ist am Ende der Gewinner. Wir können die Spielregel der Referenden ändern, was wohl sinnvoll ist. Denn keine Frage: einen Mitspieler mehr am Tisch, eine vierte Macht im Staate, die nicht die Medien, sondern die Bürger sind, wäre wünschenswert und höchst an de Zeit. Aber meine Hoffnung, dass dann die heutigen Minderheiten, die sich um diese Welt sorgen, zu Mehrheiten würden, ist klein und, ich gebe zu, kleinmütig.

Was war der erste Schritt von dem, was wir Fortschritt nennen? Es war ein Fortschreiten, ein Hinaustreten des Menschen aus der Natur, aus dem Paradies, wenn man so will: aus der Geborgenheit im Garten Eden hinaus ins Rackern und Ackern Kain und Abels, und von den beiden Brüdern wissen wir, wer weiter kam, wer fortschritt: nicht der demütige Abel, der die Herden trieb und eher im Einklang mit der Natur lebte, sondern der zornige, aufbegehrende, weiterstrebende, tüchtige, die Welt sich untertan machende Kain. Wir sind Erben Kains, nicht Abels: der Mensch bringt, mit aller Macht, die Natur unter und hinter sich, strebt in eine Existenz jenseits der Natur, hat – mit Nietzsche – den Gottvater umgebracht und wird nicht ruhen, bis er auch die Mutternatur zerstört hat. Ein wilder Hass treibt dies Geschlecht, und wer ein bisschen psychoanalytisch spekulieren mag, weiß: Hass kommt von Verletzung, von Angst, vom Ausgesetztsein. Der Mensch, der aus der Natur heraustritt, weil ihn der Erkenntnis- und Eroberungs- und Überlebenshunger treibt, dieser Mensch will mit aller Macht vergessen, dass er verletztlich, zerbrechlich, sterblich ist. Und er verletzt das, was ihn an seine Verletzbarkeit erinnert, er zieht Betondecken und Isoliermaterial zwischen sich und die Natur, sterilisiert seine Umwelt zur aseptischen Pseudonatur, hemmt, verbaut und zerstört Natürlichkeit und Wildheit, wo immer es geht. Ein einziger Bär lässt uns fürchten, dass die Natur, die beinah schon niedergezwungene, wieder zurückkommt. Das Fortschreiten ist ein Fortlaufen, ist der Amoklauf eines um seine Schwäche Wissenden, der genau darum nicht wissen will, der sich in die Illusion flüchtet stark zu sein, ein Beherrscher, ein Vernichter, ein Terminator. Deshalb werden dem, der die Frizzi Au zur Test- und Rennstrecke verbaut, Stärke, Entscheidungswille, Hodenkraft („palle“) zugeschrieben, und sind jene, die ein Stück Natur wiedergewinnen wollen, Lamentierer, Softies, Weicheier. Deshalb fühlen sich Durnwalder & Co. stark in ihrem Treiben, weil sie nicht wissen wollen, wie schwach, wie verletzlich sie eigentlich sind. Und weil sie nicht nicht wissen, was sie tun, tun sie nicht, was sie eigentlich wissen: dass in einem Jahrhundert, in dem sich das Schicksal der Menschheit entscheidet, jede kleinste Entscheidung im Dienst des Erhaltes, nicht der Vernichtung von Lebensräumen und Lebensqualität stehen muss.

Gibt’s einen Ausweg? Da stelle ich mich – mit dem abgetretenen Ritter Kuno, mit Johanna und Evi und Rudi und Stefano, mit Klaus und Roman und Norbert und Griseldis und all den Kämpfenden in der Frizzi Au – auf die Seite der unbeirrbar Hoffenden, eines nicht geblendeten, sondern trotzigen Optimismus, der die Furcht der Realisten überwindet. Ein Ausweg ist möglich, wenn wir die Grenzen des Menschen anerkennen, wenn wir unser Kleinheit in diesem Kosmos eingestehen und wenn wir aufhören fortzulaufen von einer Natur, die uns, gewiss, jederzeit vernichten kann, ohne die wir aber mit Sicherheit zugrunde gehen. Wir können nur mit der Natur überleben, nicht gegen sie; dazu müssen wir bereit sein, unsere Zugehörigkeit zur Natur, unsere Sterblichkeit, unsere Verletzlichkeit einzugestehen und den Schutz nicht im Zerstören der Natur zu suchen, sondern im Schonen: Damit sie uns wieder aufnimmt, aufnehmen kann. Auch wenn an der Frizzi Au wohl die nächste Niederlage droht, es ist nicht unsere Niederlage. Und es sind wieder ein paar mehr geworden, die an das Unmögliche glauben, die mit dem Rad in die Frizzi Au fahren, die im Vinschgau protestieren und im Pustertal die Stellung halten, die Eisacktal wachsam sind. Wir haben schließlich eine Widerstandstradition im Land – einen neuen Befreiungsausschuss Südtirols brauchts, nicht mit Sensen und Lanzen, nicht mit Strommasten, sondern mit dem offenen Wort, mit dem friedlichen Protestmarsch, mit dem Humor wider die Übermacht. Was helfen kann, ist die Einsicht, dass schon der Widerstand lohnt, nicht erst der Sieg: weil’s Freude macht, weil es Zeichen setzt und Feuerchen anzündet, weil es andere ermutigen kann und weil es nie die Umweltschützer sind, die verlieren, sondern jene, die auf Kosten aller gewinnen.

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